Dass Menschen mit einem IQ-Wert weit links der Mittellinie der Intelligenzkurve besondere Betreuung benötigen, ist unbestritten. Dass aber auch Zeitgenossen Unterstützung brauchen könnten, deren IQ weit rechts, also weit über dem Durchschnitt liegt, weil sie einfach anders denken und handeln, hat sich bisher kaum herum gesprochen. Die meisten Maßnahmen richten sich an Kinder und Jugendliche. Allerdings können auch erwachsene Hochbegabte mit professioneller Hilfe und entsprechender Förderung ungeahnte Leistungen erbringen.
Als "auffällige" Kinder und Jugendliche getestet, wissen viele über ihre Begabung Bescheid. Aber oft wundern sie sich, schämen sich vielleicht sogar, dass sie "trotzdem" Probleme haben und ihr Leben nicht mit links meistern können. Viele wissen aber nicht um ihre Fähigkeiten und fühlen sich auf diffuse Weise anders und ahnen, dass mehr in ihnen steckt. Vielleicht sind Sie eine/r davon, ohne es zu wissen?
Unerkannt?
Manchmal sitze ich einem Menschen gegenüber, der gar nichts von seiner Hochbegabung weiß, und nur gekommen ist, weil ihn der Schuh des Lebens schon zu lange drückt, weil er nach Auswegen sucht, weil er gut leben will, ohne psychosomatische Beschwerden, ohne Depression. Andere Klienten suchen mich auf, um hinsichtlich ihrer weiteren beruflichen Laufbahn mehr Klarheit über ihre Fähigkeiten zu erhalten.
Spät entdeckte Hochbegabung?
Warum geht eigentlich alle Welt davon aus, dass sich Hochbegabung „auswächst“? Das tut sie nicht! Sie bleibt ein Leben lang erhalten und wird leider oft viel zu spät entdeckt.
Ebenso wie beim Kind kann eine unerkannte Hochbegabung bei Erwachsenen in Beruf oder Privatleben zu besonderen Erfahrungen oder zu Problemen führen. Beratungs- und Informationsangebote für hochbegabte Erwachsene fehlen jedoch fast vollständig.
In der Öffentlichkeit besteht so gut wie kein Bewusstsein dafür, dass es hochbegabte Erwachsene gibt und dass diese Mitbürger in aller Regel andere Fragen bewegen, als Otto Normalverbraucher. Kein Wunder, wenn Leistung, Wissen, Intelligenz oder auch ausgeprägte Sozialkompetenz weit weniger zählen als Ellenbogenmentalität und Selbstmarketing. Dabei können wir nicht verkennen, dass manche Auffälligkeit bei erwachsenen Menschen erst mit 30, 40 oder 50 Jahren als Hochbegabung erkannt wird.
Für eine späte Entdeckung kann es viele Gründe geben: Testung beim eigenen Kind oder psychische Erkrankungen. Aber auch Zufall, jahrelanger Selbstzweifel oder berufliche Veränderungen können dazu führen, dass sich jemand mit dem Thema Hochbegabung erstmals beschäftigt.
Besser spät als nie!
Gehören Sie auch zu den Menschen, die erst im Erwachsenenalter auf den Gedanken gekommen sind, dass sie vielleicht zu den besonders begabten Menschen gehören? Das ist garnicht so selten, denn erst seit ca. 25 Jahren spricht man in Deutschland über dieses Thema, und dann fast ausschliesslich im Zusammenhang mit Kindern.
Die Reaktionen auf die späte Erkenntnis sind vielfältig. Die Betroffenen sehen sie meist mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie empfinden bodenlose Erleichterung, tiefe Trauer über verpasste Chancen bis hin zu neuem Lebensmut, weil „alles auf einmal einen Sinn bekommt“. Manchmal setzt das Wissen um Hochbegabung enorme Entwicklungsschübe in Gang.