„Wir brauchen die Nachdenklichen mehr denn je.“


Susan Cain im Interview über ihr neues Buch „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“

Ihr Buch trägt den Titel „Still. Über die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“. Sie beschreiben umfassend und kritisch die Situation von Introvertierten in unserer heutigen Welt. Neueste Ergebnisse der Hirnforschung beziehen Sie dabei ebenso ein wie historische Beispiele. Aus den Erkenntnissen leiten Sie konkrete Anregungen für alle sozialen Bereiche ab, von der Organisation des Berufslebens und den Bildungseinrichtungen für Kinder bis hin zur Konfliktlösung in der Partnerschaft. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Introvertierte zu schreiben. Warum lag Ihnen gerade dieses Thema besonders am Herzen?

Aus demselben Grund, aus dem Betty Friedan seinerzeit 1963 “The Feminine Mystique” veröffentlichte (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Der Weiblichkeitswahn oder Die Mystifizierung der Frau“). Heute haben Introvertierte gegenüber Extravertierten dieselbe Stellung wie seinerzeit Frauen gegenüber Männern – sie sind Bürger zweiter Klasse mit einem gewaltigen Potenzial ungenutzter Fähigkeiten. Unsere Schulen und Arbeitsplätze sind auf Extravertierte zugeschnitten. Viele Introvertierte glauben, etwas stimme nicht mit ihnen und sie sollten versuchen, als Extravertierte „durchzugehen“. Das ist eine gewaltige Verschwendung von Begabung, Energie und, letztendlich, Glück.

Extravertierte Menschen gelten als aufgeschlossen, kontaktfreudig und flexibel, introvertierte hingegen als ungesellig, schweigsam und schüchtern. Bei genauerer Betrachtung entpuppen sich diese Vorstellungen jedoch als Klischees. Was sind für Sie die wichtigsten Merkmale einer introvertierten Persönlichkeit?

Eine introvertierte Persönlichkeit hat zahlreiche Vorzüge, von denen ich hier nur ein paar erwähnen möchte. Zunächst einmal lassen Studien darauf schließen, dass viele der kreativsten Menschen introvertiert sind. Introvertierte sind gründliche, nachdenkliche Menschen und können Einsamkeit in dem Maß ertragen, wie es für die meisten kreativen Arbeiten erforderlich ist. Außerdem widmen Introvertierte, entgegen der Meinung, sei seien antisozial, ihren engen Freunden und der Familie für gewöhnlich mehr Zeit als Extravertierte. Sie gehen seltener fremd und lassen sich seltener scheiden. Wenn man nicht auf allen Hochzeiten tanzt, neigt man dazu, Beziehungen intensiver zu pflegen.
Es gibt aber auch Nachteile. Der größte ist vielleicht, dass sich Introvertierte in Gesellschaft schnell unbehaglich fühlen. Wie alle anderen auch möchten sie unter Leute kommen – die Menschen sind nun einmal soziale Wesen –, aber dadurch entsteht ein grundsätzlicher Konflikt zwischen dem Wunsch, anderen verbunden zu sein, und dem Bedürfnis nach Ruhe.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie viele Menschen insgesamt introvertiert und wie viele extravertiert sind?

Die Studien kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen, aber in einer der neuesten Untersuchungen wird der Anteil an Introvertierten unter den Amerikanern überraschenderweise auf mindesten 50% geschätzt. Da die USA unter Forschern als eines der extravertiertesten Länder weltweit gelten, ist dieser Prozentsatz in vielen anderen Teilen der Erde sicherlich genauso hoch.

„Reden ist Silber. Schweigen ist Gold“, hieß es früher, heute hingegen gilt: „Wer nicht redet, wird nicht gehört“. Was führte zu dieser Veränderung?

Um die Wende zum 20. Jahrhundert setzte eine grundlegende Veränderung ein: Die Menschen zogen in Großstädte, begannen für große Firmen zu arbeiten und standen damit vor der Herausforderung, sich in einer anonymen und immer stärker auf Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft zu behaupten. Damals wandelte sich die bis dahin vorherrschende „Charakterkultur“ zu einer „Persönlichkeitskultur“, wie der Historiker Warren Susman es nannte. Diese unglaublich faszinierende Entwicklung erläutere ich ausführlich im ersten Kapitel von „Still“.

Warum werden die Eigenschaften introvertierter Menschen in der heutigen Zeit oft gering geschätzt?
Wie Sie schon andeuten, leben wir in einer Welt, die es schätzt, wenn Menschen sich „vermarkten“ können. Introvertierte passen nicht in diese Schublade, jedenfalls oberflächlich betrachtet nicht. (Allerdings verfügen viele Introvertierte über die Führungsqualität des unabhängigen Denkens und verstehen es auf ihre Weise, ihren Ideen Gehör zu verschaffen.)

Introvertierte, schreiben Sie in „Still“, erhielten bereits als Kinder die Rückmeldung, etwas stimme grundsätzlich nicht mit ihnen. Haben auch Sie diese Erfahrung gemacht?


Ich hatte das unglaublich große Glück, in einer ruhigen, gebildeten Familie aufzuwachsen. Unsere gemeinschaftliche Hauptbeschäftigung zu Hause war Lesen. Aber jedes Mal, wenn ich das Haus verließ, empfing ich diese Botschaft laut und deutlich. Ich erinnere mich an den ersten Tag im Sommercamp, als sich alle Kinder zum ersten Mal trafen. Wie sehr sehnte ich mich danach, mich abzusetzen und die Bücher zu lesen, die ich in meinem Koffer weggepackt hatte. Irgendwoher wusste ich aber, dass ich riskieren würde, ausgegrenzt zu werden, wenn ich in einem Augenblick las, in dem Geselligkeit von mir erwartet wurde. Ein Mädchen aus meiner Gruppe entfernte sich tatsächlich um zu lesen und musste den Rest des Sommers dafür zahlen.

Gab es Schlüsselerlebnisse auf Ihrem Weg zu einem selbstbewussten Umgang mit Ihrer introvertierten Persönlichkeit?


Ich habe fast zehn Jahre lang als Anwältin für Körperschaftsrecht gearbeitet. Am Anfang ging ich davon aus, dass ich als ruhiger Mensch mit einer sanften Stimme enorme Nachteile haben würde, vor allem bei Verhandlungen. Zwar habe ich nie mit der Faust auf den Tisch geschlagen, aber ich habe schon bald gelernt, meine Art für mich zu nutzen. Menschen, die bestimmt, aber freundlich sprechen, die Fragen stellen und zuhören und die lieber konstruktiv als kämpferisch an etwas herangehen, werden von jedem geschätzt, sogar in juristischen Auseinandersetzungen. In „Still“ beschreibe ich eine Erfahrung am Verhandlungstisch, die mein Leben verändert hat.

Sponsoren gesucht: Film über Hochsensibilität


Synopsis
Eileen leidet unter der fehlenden Filterung von akustischen, visuellen, so wie emotionalen Reizen und in Folge dessen auch unter Schlafstörungen – sie ist hochsensibel. Die Geschichte zeigt Eileen’s Alltag und die Hürden, die sie tagtäglich meistern muss. Er beginnt in ihrer Wohnung, ihrem isolierten „Schutzraum“. Begleitet von Flashbacks, welche regelmäßig Aufschluss über ihren Charakter und [...]

Mehr Infos unter:
http://www.sinnflut-film.com/

Ist Ihr Kind hochbegabt? Eine Checkliste

Es gibt nicht den oder die Hochbegabten. Menschliche Stärken und Schwächen sind unter besonders begabten Menschen ebenso verbreitet wie unter „normalen“ Menschen auch. Und nur die wenigsten fallen durch überdurchschnittliche Leistungen auf.

Hochbegabung kann nur durch einen Test gesichert festgestellt werden. Aber es gibt Hinweise, die eine Hochbegabung zumindest möglich erscheinen lassen. Wir haben eine Liste mit Verhaltensweisen und Eigenschaften zusammengestellt, die besonders bei hochbegabten Kindern häufig beobachtet werden können:

1. Merkmale des Lernens und des Denkens, die Hinweise auf eine Hochbegabung sein können:

• Hohes Detailwissen in einzelnen Bereichen
• Ungewöhnlicher Wortschatz für das Alter
• Ausdrucksvolle, ausgearbeitete und flüssige Sprache
• Ausgeprägte Fähigkeit, sich Fakten schnell merken zu können
• Genaues Durchschauen von Ursache-Wirkungs-Beziehungen
• Intensive Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden
• Gutes Erkennen von zugrunde liegenden Prinzipien bei schwierigen Aufgaben
• Besondere Fähigkeit, leicht gültige Verallgemeinerungen herzustellen
• Außergewöhnlich gute Beobachtungsgabe
• Selbstmotiviertes Lesen vieler Bücher; Bevorzugung von Büchern, die über die Altersstufe deutlich hinausgehen
• Kritisches, unabhängiges und wertendes Denken

2. Arbeitshaltung und Interessen, die ein Hinweis auf eine Hochbegabung sein können:

• Aufgehen in bestimmten Aufgaben
• Bemühen, Aufgaben stets vollständig zu lösen
• Streben nach Perfektion
• Selbstkritik
• Kritische Haltung gegenüber dem eigenen Tempo oder Ergebnis
• Bevorzugung von unabhängigem Arbeiten, um hinreichend Zeit für das Durchdenken eines Problems zu haben
• Setzen von hohen Leistungszielen und Lösen (selbst)gestellter Aufgaben mit einem Minimum an Anleitung und Hilfe durch Erwachsene
• Interesse an vielen "Erwachsenenthemen" wie Religion, Philosophie, Politik, Umweltfragen, Gerechtigkeit in der Welt (etc.)

3. Merkmale des sozialen Verhaltens, die ein Hinweis auf eine Hochbegabung sein können:

• Beschäftigung mit Begriffen wie Recht/Unrecht, Gut/Böse und Bereitschaft, sich ggf. gegen Autoritäten zu engagieren
• Individualismus
• Akzeptanz von Meinungen von Autoritäten, erst nach einer kritischen Prüfung
• Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung und Zuverlässigkeit in Planung und Organisation
• Wahl von Gleichbefähigten, häufig Älteren als Freunde
• Neigung, schnell über Situationen zu bestimmen
• Einfühlungsvermögen und Aufgeschlossenheit gegenüber politischen und sozialen Problemen

Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Diese Liste lässt sich selbstverständlich auch für Erwachsene umwandeln. Für hochbegabte Erwachsene gelten die Kritierien ebenso.

Chef, ich langweile mich


Viele Hochbegabte haben Probleme im Job. Warum sie trotz ihrer hohen Intelligenz beruflich scheitern, erklärt der Psychologe Detlef Scheer im Interview.
ZEIT ONLINE: Herr Scheer, Sie sind Psychologe und coachen Hochbegabte. Warum brauchen ausgerechnet Genies Hilfe bei der Karriere?
Detlef Scheer: Weil viele Hochbegabten im Beruf anecken. Hochbegabte verarbeiten Informationen viel schneller, lösen Probleme rascher, brauchen meist ein schnelleres Arbeitstempo.  Das führt zu Konflikten mit den Kollegen und Vorgesetzten. Oft scheitern sie auch an strengen Hierarchien oder leiden unter permanenter Unterforderung. Aber der Satz "Chef, ich langweile mich", kommt meistens nicht gut an.
Andere wiederum schaffen es erst gar nicht, ihren Platz im Berufsleben zu finden. Ich habe Klienten, die drei oder vier Berufe gelernt haben, andere haben in mehreren Fächern promoviert – und sie finden trotzdem keinen Job. Wieder andere brechen immer wieder Ausbildungen ab und wissen in puncto Beruf gar nichts mit ihrer Intelligenz anzufangen. Es gibt einige Hochbegabte, die langzeitarbeitslos sind. Und dann sind da noch jene, bei denen der hohe Intelligenzquotient erst spät aufgefallen ist. Sie haben über die vielen Jahre und die häufige Ablehnung ihrer Person durch wichtige Bezugspersonen ein negatives Selbstbild verinnerlicht, fühlen sich klein, regelrecht doof und hilflos. Das Wissen, hochbegabt zu sein, kann Menschen in eine Lebenskrise stürzen. Es ist ja nicht nur wunderbar, hochbegabt zu sein – es kann ja auch ein Stigma sein.

Verein: Mehr empfinden als andere


Michael Jack aus Bochum gründete den „Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität“. eine Organisation für Menschen, die mehr empfinden als andere. Weil sie Sinneseindrücke intensiver wahrnehmen.
Jetzt beginnt es maßlos zu schütten, aber Isabelle Carré und Benoît Poelvoorde waren leider bereits unterwegs. Er: „Sollen wir umkehren?“ Sie: „Möchtest du?“ Er: „Nicht unbedingt, und du?“ Und so geht dieser durchaus lebensnahe Dialog zweier ausgeprägter Weicheier weiter. Wahrscheinlich laufen sie heute noch.
Triefnass, halbtot, aber wenigstens haben sie einander nicht vor den Kopf gestoßen.
Nein, die beiden schauspielern nur, in der aktuellen Komödie „Die anonymen Romantiker“; und ihr Gespräch ist eine Karikatur auf besonders sensible Menschen. Und doch „erkannte ich mich teilweise in dem Film wieder, wie ich vor zehn Jahren war“, sagt Michael Jack.
Der 30-jährige Bochumer ist Gründer und Präsident des „Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität“, eines jungen Vereins von gesundem Wachstum – gerade gründeten sich Ableger in Duisburg und Nottuln. Sie sollen Anlaufpunkte sein für Menschen, die den finsteren Verdacht haben, sie könnten hochsensibel sein. Denn Spaß macht das nicht unbedingt.