Die Gabe Hochsensibilität

Besonders stille und begabte Menschen brauchen eine Lobby

„Würden Sie einem zwei Meter großen Mann unterstellen, er wäre aufgrund seines Körperbaus krank? Der Mann müsste sich ein Bett, ein Auto und seine Kleidung mit Sondermaßen kaufen. Bei seiner Partnerwahl könnte dieses Persönlichkeitsmerkmal ebenso von Vor- wie von Nachteil sein. Jenseits der Norm ja, aber krank?“



Dieses Beispiel zieht Anne Heintze, Gründerin der Open-Mind-Akademie bei Frankfurt und Coach und Trainerin für Hochbegabte und hochsensible Erwachsene, heran, wenn ihre Klienten nachfragen: Ist meine Hochsensibilität eine Krankheit?

Die Verunsicherung, die in der Frage mitschwingt, ist für Anne Heintze leicht erklärbar. Hochsensible Menschen erleben sehr früh, dass sie intensiv spüren, erleben und wahrnehmen. Um ihre Eindrücke verarbeiten zu können, entwickeln sie intuitiv Möglichkeiten der Abgrenzung und des Rückzuges. Sie suchen nach Räumen für Reflektionen des Erlebten und Erspürten. Die Spielregeln der Gesellschaft werden von dort schnell durchschaut, und die Hochsensiblen können sich ebenso zügig auf deren Leistungsanforderungen einstellen.

Dass dieses Anpassen schon bald Störgefühle, Blockaden und Frustration hervorruft, mag nicht verwundern. Hilflos durch Reizüberflutung, anfällig für Burnout und Depressionen, erschöpft vom Alltag: Ungelöste Hochsensibilität nennt dies Anne Heintze. Mimose oder Sensibelchen sind hingegen Ausdrücke unserer Umgangssprache.

Ihre Aufgabe als Coach und Trainerin sieht Anne Heintze nun darin, ihren hochsensiblen Klienten die Gabe und den Wert ihrer Persönlichkeit aufzuzeigen und schätzen zu lernen. In gelöster, also angenommener, Hochsensibilität liegen Potentiale und AufGABEN. In vielen Branchen, in denen u.a. Kreativität gefragt ist, sind Eigenschaften, wie Feingestimmtheit oder Empathie von unschätzbarem Wert. Und so gilt es, die „Perle in der Auster“ zu finden, die antrainierte Anpassung aufzugeben und der eigenen Intuition zu vertrauen.

Dies braucht Mut und Verständnis. Ob in der Partnerschaft, in der Familie mit den Kindern, im Freundeskreis oder in beruflichen Beziehungen: Die oberste Spielregel ist das Kommunizieren, das Ausrücken seiner tiefsten Bedürfnisse. „Ich brauche.“ „Ich wünsche mir.“ Eine intensive Innenschau und Selbstreflektion ist dafür notwendig, die durch viele Methoden, die das Feinsinnige und Zarte der Persönlichkeit ansprechen, unterstützt werden können: z.B. Musik, Hypnose, energetische Arbeit, Malen. Manche Hochsensible haben eine große Affinität zur Spiritualität.

„Ich bin ein Stiller.“ Etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Bei Hochsensitivität – ein psychologischer Begriff, den Freud geprägt hat – kommt noch eine weitere Komponente hinzu: Eine stark ausgeprägte Wahrnehmungsebene über die körperlichen Reizwahrnehmungen mit den fünf Sinnen hinaus.

Obwohl ein so großer Teil unserer Gesellschaft über diese besonders ausgeprägte Begabung zu weiter, intensiver, feiner und differenzierter Wahrnehmung verfügt, fehlt ihr eine entsprechende Lobby. Zwar bilden sich vereinzelnd Interessengruppen bei Facebook und Vereine werden gegründet, doch ein allgegenwärtiges Bewusstsein für das Potential der Hochsensibilität bleibt aus.

Dabei wäre es wünschenswert, wenn sich Verbände für eben diese Räume in schulischen oder beruflichen Zusammenhängen einsetzen oder wenn mittelständische und Großunternehmen für ihre Mitarbeiter entsprechendes Training und Coaching anbieten. Lediglich eine Privatbank und eine Großkanzlei empfehlen ihren Mitarbeitern das persönliche Coaching von Anne Heintze und übernehmen die entsprechenden Kosten. Die Seminarangebote hingegen werden von Privatpersonen besucht, die mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen und Zielen in die Open-Mind-Akademie reisen - eben ganz persönlich. Dass Anne Piegsda selbst hochsensibel ist, ermöglicht es, dass sich die Gäste recht schnell verstanden und in ihrer Art angenommen fühlen.

„Völlig egal, was andere über Dich reden. Sie tun es sowieso. Also kannst Du auch gleich machen, was Du willst.“ Mit diesen Worten ihrer Mutter wuchs Anne Heintze auf und lernte – „privilegiert“, wie sie sagt –, sich nicht über Leistungen zu definieren. Inmitten von Rilke, Eichendorff (mütterlicherseits) und Mozart, Beethoven und Bach (väterlicherseits) nahm sie sich und ihre Gabe an. „Ich bin hochsensibel, und das ist gut so.“

Autorin HARRIET OERKWITZ, erschienen in "Konzert der Stille" 27. Oktober 2011
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1 Kommentar:

  1. Liebe Anne, DANKE! Deine Impulse in der letzten Woche TUN MIR SO GUT! DANKE fuer die supper LOBBY!

    Glg Anke :)

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