Was die Denkzentrale anregt

Jahrzehntelang galt die eherne Regel, dass die Intelligenz konstant ist. Dass man zwar Fertigkeiten trainieren kann, nicht aber Fähigkeiten. Für die Auffassung, dass sich das Gehirn durch spezielle Aufgaben wie eine Art Muskel formen lässt, der dann für alles mögliche eingesetzt werden kann, gab es keinen Beleg.

Die Berner Studie war die erste. Robert Sternberg von der amerikanischen Tufts-Universität, einer der bekanntesten Intelligenz-Forscher, kommentierte überrascht: "Offenbar liefern IQ-Tests Werte, die dynamisch sind, nicht starr, modifizierbar statt fixiert."

Nach den bisherigen Erkenntnissen hält der Effekt des dual n-back-Trainings sogar über viele Monate an. Demnächst wollen die Forscher herausfinden, wie weit man sich mit der Methode steigern kann. "Es wird ein Plateau geben", vermutet Jaeggi, "ähnlich wie beim Joggen, da werden Sie am Anfang sehr schnell besser, aber nach einiger Zeit geht es nur noch langsam vorwärts oder auch gar nicht mehr." In einer Nutzergruppe der Universität Bern schreibt ein Mann, dass er nach einem Jahr Training immerhin zeitweise das neunte Level erreicht habe, sich also merken kann, ob ein Buchstabe neun Nennungen zuvor derselbe war wie der aktuelle, und ob das kleine Quadrat neun Bilder zuvor an der gleichen Stelle stand wie das aktuelle.

Auf die Idee zu dieser Forschungsarbeit waren die Wissenschaftler gekommen, nachdem sie kognitive Tests im Zuge eines Anti-Sturz-Trainings für Senioren ausprobiert hatten. Erstaunlicherweise halfen die Gehirnaufgaben den alten Menschen sogar besser als Kraft - und Koordinationsübungen am Ergometer. Das gab den entscheidenden Hinweis darauf, dass eine kognitive Leistung, die in einem speziellen Bereich erworben wurde (Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses) erfolgreich auf einem ganz anderen Gebiet wirken kann (Vorbeugung vor Stürzen).

"Dual n-back"-Tests lassen sich inzwischen nicht nur am Computer, sondern auch auf Java-fähigen Mobiltelefonen wie dem iPhone oder Blackberry-Geräten absolvieren. Ausprobieren kann man sie unter www.dual-n-back.com, www.cognitivefun.net oder brainworkshop.sourceforge.net.

Die Schweizer Wissenschaftler haben inzwischen eine umfangreiche Aufgabensammlung für kognitives Training entwickelt: Unter dem Namen BrainTwister findet sich darunter auch ein "dual n-back"-Test. Die vier anderen Tests richten sich speziell an Kinder und an ältere Menschen, sind aber ähnlich aufgebaut. Der BrainTwister zeichnet detaillierte Trainingsdaten für jede Aufgabe auf und erlaubt das Visualisieren und Ausdrucken der erreichten Ergebnisse. Damit werden wichtige Komponenten des Arbeitsgedächtnisses trainiert wie wahrnehmen, entscheiden, behalten, wiedergeben, koordinieren, Störfaktoren ausblenden, konzentrieren, sich anstrengen und Belastungen aushalten. "Unter dem Strich ergibt sich daraus eine allgemein verbesserte Präsenz, die flexibel auf die vielseitigen Erfordernisse des Lebens reagieren kann", sagt Professor Walter Perrig, einer der Schweizer Forscher.

Es gibt jedoch noch andere, sehr kostengünstige Methoden, die Denkzentrale des Ich auf Trab zu halten: etwa durch echtes Jogging. Wissenschaftlich ist längst erwiesen, dass regelmäßiges körperliches Ausdauertraining die Hirndurchblutung steigert und die Bildung neuer Blutgefäße und Nervenzellverbindungen anregt. Es steigert damit nachweislich Aufmerksamkeit, Denkvermögen und Gedächtnisleistung.

Eine andere Möglichkeit ist schlicht: mehr Schlaf. Forscher konnten zeigen, dass durch intensive Tiefschlafphasen Gedächtnisinhalte, die sich auf Fakten, Vokabeln und Geschichten beziehen, besser in den Langzeitspeicher des Gehirns übertragen werden. Während des eher unruhigen REM-Schlafs profitiert besonders das prozedurale Gedächtnis, das für komplizierte neue Bewegungsabläufe zuständig ist, etwa für das Erlernen des Autofahrens. Ebenfalls hat sich gezeigt, dass Menschen, die bei Problemen nicht weiterkamen, oft schon eine durchschlafene Nacht geholfen hat, eine gute Lösung zu finden; vor allem erkannten sie die hinter dem Problem verborgenen Strukturen besser. Insofern hat der Satz, man solle komplizierte Dinge noch einmal überschlafen, durchaus seine Berechtigung.

Hochbegabt und keiner merkt's

Besonders talentierte Schüler gelten als problematisch, dabei sind die meisten unauffällig. Eine Förderung brauchen sie trotzdem - eigentlich. Denn bei der Einschätzung liegen sowohl Pädagogen als auch Eltern oft falsch.


Fragt man Lehrer, welches ihrer Kinder sie als ganz besonders begabt einschätzen, dann liegen die Pädagogen oft falsch. Zwar können sie die Fleißigen und Einserschüler problemlos identifizieren. Aber die Besten nach Noten sind nicht immer die Begabtesten. Und die Begabtesten sind nicht automatisch diejenigen mit den besten Schulleistungen.

Das stellte bereits einer der Pioniere der Begabtenforschung, der US-amerikanische Psychologe Lewis M. Terman, Anfang des 20. Jahrhunderts fest. Ein Junge namens William Shockley wurde ihm vom Lehrer zwar als besonders begabt vorgeschlagen. Doch er verfehlte den für Termans Studie vorgegebenen Intelligenz-Quotienten (IQ) nach dem Stanford-Binet-Test. 1956 erhielt der für die Studie Ausgemusterte (und später wegen seiner Ansichten zum Thema Rasse und Intelligenz umstrittene) Naturwissenschaftler Shockley den Nobelpreis für Physik.

Jene Schüler, die es in Termans Hochbegabtengruppe geschafft hatten, erreichten später solche Spitzenleistungen nicht. Allerdings waren auch sie beruflich außerordentlich erfolgreich.

Trotz zahlreicher methodischer Mängel und Kritik am Auswahlverfahren der Probanden, gilt die Terman-Studie bis heute als „goldene Datenbank“ für die Forscher, denn der Psychologe war einer der ersten, der Hochbegabung in einer Langzeitwirkung erforschte. Termans Ausgangsthese jedoch, dass Intelligenz der ausschlaggebende Faktor für Erfolg oder Misserfolg im Leben sei, wurde durch seine eigenen Daten und spätere Forschungen klar widerlegt: Hohe Intelligenz allein führt nicht automatisch zu Höchstleistungen oder Kreativität. Mindestens ebenso wichtig sind Motivation, Selbstvertrauen, das soziale Umfeld sowie eine angemessene Förderung.

„Begabung ist wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss“, sagt Dr. Michael Wolf, Psychologe am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl. Es ist eines von zahlreichen Förderstellen, die in den vergangenen Jahrzehnten bundesweit entstanden sind – Tendenz steigend.

Das Brühler Zentrum hat keine elitären Wurzeln oder Anliegen, wie es der Begabtenförderung von Kritikern oft unterstellt wird. Das Zentrum ging aus der Regionalen Schulberatungsstelle und dem Schulpsychologischen Dienst des Rhein-Erft-Kreises hervor. Seit mehr als zehn Jahren berät und fördert es Kinder mit besonderen Begabungen. Für seine Bemühungen um die sogenannten „Minderleister“, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen können, hat das Zentrum kürzlich einen Preis der Frankfurter Karg-Hochbegabten-Stiftung erhalten.

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Und: Ist es ein Kampf? Oder macht es Spaß?

Was die Wissenschaft zu der These sagt, dass Musik die Intelligenz erhöht

Im Jahr 1998 lässt der demokratische Gouverneur Zell Miller des US-Bundesstaates Georgia im Parlament die "Ode an die Freude" aus der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ertönen. In der Rede, die er währenddessen hält, fordert er die Politiker auf, 105 000 US-Dollar für die Vergabe von Klassik-Kassetten an Neugeborene in Krankenhäusern einzuplanen.

Miller beruft sich auf eine Studie, die ergeben hatte, dass klassische Musik räumliches Denkvermögen fördere. "Spüren Sie schon, dass Sie klüger werden?", fragt Miller die Parlamentarier. "So klug, dass Sie dem Antrag stattgeben, hoffe ich." Das ist allerdings nicht nötig. Der Musikverlag Sony springt ein und spendiert den Kleinsten beruhigende klassische Töne.

Grundlage für Millers Annahme, dass Klassik schlau macht, ist eine im Jahr 1993 im Fachblatt "Nature" erschienene Arbeit. In ihr beschreiben die Psychologin Frances Rauscher und ihre Kollegen, dass Studenten im Intelligenztest besser abschneiden, wenn sie zuvor zehn Minuten lang Mozarts Sonate KV 448 hören. Diese Erkenntnis erhält große mediale Aufmerksamkeit und sogar einen eigenen - mit Patent gesicherten - Namen. Der Mozart-Effekt ist geboren. Was die Medien übersehen, ist, dass die Leistungssteigerung der Studie zufolge nur eine Viertelstunde anhält. Zudem lassen auch die Forscher offen, ob die Musik anderer Komponisten nicht vergleichbar anregend ist.

Die Industrie um den Mozart-Effekt lässt sich davon nicht abhalten. Intelligenz in Form von Tonträgern ist ein überzeugendes Verkaufsargument. Noch immer werben einige CD-Anbieter damit. Zwar stimmt die These in gewisser Weise, aber das liegt nicht am berühmten Mozart-Effekt.

Denn spätere Studien zeigen, dass bestimmte Musik Menschen einfach in einen leistungsbereiten Zustand versetzen kann. Es muss jedoch nicht Mozart sein. Auch Melodien von Franz Schubert, Kinderlieder oder sogar das Vorlesen einer Kurzgeschichte von Stephen King zeigen in Versuchen Wirkung. Der akustische Reiz muss den Kindern nur gefallen. Irgendetwas scheint im Kopf zu geschehen, wenn Melodien das Ohr erquicken.

"Im Gehirn passiert beim Musikhören allerhand", sagt der Leiter der Neuropsychologie der Universität Zürich und Autor des Buchs "Macht Musik schlau?", Professor Lutz Jäncke. Dass das Spielen eines Musikinstruments den Intelligenzquotienten umgehend in die Höhe schnellen lässt, hält Jäncke jedoch für Blödsinn. "Mit einer Blockflöte allein können sie schließlich keine Differenzialgleichungen lösen." Vielmehr passt sich das Gehirn Herausforderungen an.

Diese sind vielfältig - das bemerkt jeder, der zum ersten Mal ein fremdes Instrument zu spielen versucht. Halte ich es richtig? Bewege ich meine Hände, Finger oder meinen Mund korrekt? Und schließlich: Wie bekomme ich den Laut aus dem Ding, den das Blatt auf dem Notenheft vorgibt? Zum Glück ist das Gehirn formbar wie Knete.

Was ist überhaupt die "Intelligenz"?

Jeder von uns erkennt bei anderen Menschen zwar recht schnell, ob der- oder diejenige intelligent ist oder eher ein geistiger Tiefflieger.

Andererseits wissen selbst Forscher nur sehr wenig über das Phänomen, eine verbindliche Definition gibt es nicht.

Der kleinste gemeinsame Nenner lautet: Intelligenz ist der Begriff für die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen. Einen Sitz der Intelligenz im Gehirn hat bislang allerdings niemand entdeckt. Wohl aber Regionen, die sich auf verschiedene Fähigkeiten spezialisiert haben, etwa jene für die Sprache oder das Gedächtnis. 

Die größte Frage allerdings harrt weiterhin deiner Antwort: Ist Intelligenz erblich oder ist sie in erster Linie von den Umweltbedingungen geprägt? Sicher ist nur, dass beides eine Rolle spielt, aber wie hoch der jeweilige Anteil ist, das ist bis heute unklar. Die größte Studie, die das genauer herausfinden soll, leitet der Psychologe und Verhaltensgenetiker Robert Plomin vom Londoner King’s College. Dort beobachtet er die langfristige geistige Entwicklung von rund 13 000 Zwillingspaaren, die zwischen 1994 und 1996 geboren wurden.

Eines der Ergebnisse: Eineiige Zwillinge, die über ein absolut identisches Erbgut verfügen, sind sich von ihrer Intelligenz her ähnlicher als zweieiige Zwillinge, die nur zum Teil über ein identisches Erbgut verfügen. Selbst wenn die eineiigen Zwillinge getrennt aufwachsen, unterscheidet sich ihr späterer IQ nur unwesentlich. Die zweieiigen Zwillinge wiederum sind sich von der Intelligenz her ähnlicher als nicht genetisch verwandte Kinder.

Klar ist demnach: Das Erbgut hat einen wichtigen Einfluss. Plomin wollte auch die dafür verantwortlichen Gene dingfest machen. Das Vorhaben stellte sich jedoch als höchst frustrierend heraus. Zwar ließ sich das Erbgut der Jugendlichen mit der modernen Technik in Windeseile durchmustern, aber der Forscher stieß nur auf extrem wenige charakteristische Abschnitte im Erbgut, die in einem Zusammenhang mit der Intelligenz zu stehen scheinen. Bei der genaueren Auswertung wurde klar, dass nur ein einziges Gen übrig blieb – und Berechnungen ergaben, dass es zu lächerlichen 0,4 Prozent für die Unterschiede zwischen Mensch und Mensch verantwortlich ist. Plomin geht inzwischen davon aus, dass Hunderte oder gar Tausende Gene einen kleinen Einfluss auf die Intelligenz haben. Insgesamt summieren sie sich aber dennoch auf einen erstaunlich großen Wert.

Plomin schätzt den genetischen Einfluss auf die kindliche Intelligenz auf immerhin 41 Prozent. Im jugendlichen Alter betrage er schon 55 Prozent, bei einem jungen Erwachsenen sogar 66 Prozent. Das ist erstaunlich, denn eigentlich könnte man meinen, dass Umwelteinflüsse mit dem steigenden Lebensalter zunehmen und den Einfluss des Erbguts zurückdrängen. Plomin erklärt das damit, dass sich Menschen eine Umgebung suchen, die zu ihren Genen "passt". Intelligente Kinder etwa suchen sich Betätigungen, die ihre Intelligenz herausfordern, während wenig intelligente Kinder eher Beschäftigungen wählen, die keine großen Hirnleistungen erfordern. 

Statt weiter nach Intelligenz-Genen zu fahnden, versuchen Forscher derzeit etwas darüber herauszufinden, wie schnell und effektiv Informationen durch das Gehirn strömen – und somit die Fähigkeiten des Einzelnen prägen, in der Welt von heute zurechtzukommen. Erhellend ist dabei der Blick auf die Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren. Während dieser Zeit kommt es zu einer explosionsartigen Neubildung von neuronalen Verbindungen. Dadurch nimmt die Dicke der sogenannten grauen Substanz der Hirnrinde (Kortex) rasch zu. Dann aber bilden sich die nicht genutzten Bereiche zurück und die Hirnrinde wird wieder dünner.